Hintergrund

Vor 25 Jahren, am 23. April 1984, verkündete die US-amerikanische Gesundheitsministerin Margret Heckler, dass Robert Gallo das Aids-Virus identifiziert habe. Zwölf Jahre später wurden die ersten Ergebnisse der 3-fach-Kombinationstherapie auf der internationalen Aids-Konferenz in Vancouver 1996 vorgestellt.

Seither gilt: das HI-Virus ist kontrollierbar, wenn auch immer noch nicht heilbar. 2008 kann man im Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Institutes lesen:

"Die Zahl der AIDS-Neumanifestationen (AIDS-Inzidenz) und der AIDS-Todesfälle (AIDS-Mortalität) konnte durch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten gesenkt werden. Da die Zahl der HIV-Neuinfektionen zunächst weitgehend unverändert blieb und ab 2000 angestiegen ist, nimmt seit 1995 die Zahl der lebenden HIV-Infizierten und bereits an AIDS-Erkrankten zu. Nach den aktuellen Schätzungen beträgt die Zahl der Menschen, die Ende 2008 in Deutschland mit HIV/AIDS leben, zwischen 60.000 und 67.000."

Derzeit leben also in Deutschland so viele Menschen mit einer HIV-Infektion, wie die Stadt Brandenburg Einwohner zählt. Durch die neuen Behandlungsmöglichkeiten und die pharmakologischen Entwicklungen der letzten Jahre ist die HIV-Infektion zur chronischen Infektion geworden. Viele HIV-Infizierte in den Metropolen können durch Medikamente das Virus an seiner Vermehrung hindern, wenn auch nicht gänzlich aus dem Körper entfernen. Einigen Berechnungen zufolge können HIV-Infizierte mit Hilfe der antiretroviralen Medikation vielleicht sogar 30 Jahre und länger mit der Infektion leben. Eine Heilung ist trotz massiver Bemühungen nicht in Sicht.

Was sich als kometenhafte medizinische Erfolgsstory liest, bedarf im Einzelfall allerdings einer genaueren Betrachtung.

Eine wirkliche Lebensperspektive mit entsprechender Lebensqualität erhält, wer in der Lage ist, die Medikamente trotz erheblicher Nebenwirkungen tagtäglich einzunehmen. Diejenigen, die nicht immer in stoischer Regelmäßigkeit ihre Medikamente einnehmen können oder deren Nebenwirkungen nicht aushalten, müssen bei unbeständiger Einnahme mit einer beschleunigter Resistenzentwicklung des Virus gegen die unterschiedlichen Substanzen rechnen. Wer sich nicht in der Lage sieht, eine chronische Erkrankung in sein womöglich junges Leben zu integrieren, verschleudert durch eine sporadische Medikamenteneinnahme seine Therapieoptionen und riskiert Nebenwirkungen ohne therapeutische Effekte.

Wer bereits in den 90er Jahren mit der Einnahme der Medikamente begonnen hat, sieht sich heute womöglich mit einem deformierten Körper konfrontiert: Das Gesichtsfett, (was u. a. die für jeden typische Gesichtsphysiognomie ausmacht) ist reduziert, das Unterhautfett an Armen und Beinen ist verschwunden. Im unangenehmsten Falle bilden sich Fetthöcker im Nacken, das innerliche Bauchfett wächst an, verschiebt die Organe, bis das Atmen schwerfällt. Das sind letztlich nur die äußerlich sichtbaren Stigmata, ganz zu schweigen von der morgendlichen Übelkeit nach der Medikamenteneinnahme, den permanenten z. T. schweren Durchfällen, den Ausfällen der Berührungssensibilität der Beine, die ein sicheres Laufen stark beeinträchtigen.

Ein Teil der Infizierten nimmt sich selbst nicht mehr als Teil des Lebensprozesses, sondern verstärkt als Teil eines Krankheitsprozesses wahr. Bei bis zu 40 Prozent der HIV-Infizierten treten im Verlauf der HIV-Infektion schwere depressive Episoden auf. Trotz eines durch Medikamente stabilisierten Immunsystems sterben etwa 10 bis 15 Prozent der Infizierten - meist nach mehrfachen depressiven Episoden - an einem Suizid.

Wer sich vor Jahren infiziert hat und durch die im Rahmen der HIV-Infektion auftretenden Erkrankungen und die erforderlichen längeren Krankenhausaufenthalte sehr frühzeitig aus dem Lern- und Arbeitsprozess - meist in der Folge auch aus sozialen Bezügen - katapultiert wurde, lebt heute in einer desolaten Situation: ökonomisch, psychisch und sozial. Eine Reintegration in den Arbeitsprozess scheint in vielen Fällen schwierig und die Bereitschaft dazu von Seiten der Arbeitgeber in Zeiten der Krise wird geringer.

Medizinisch sind viele Infizierte tatsächlich akzeptabel versorgt. Aber Medikamente vermögen nur das Virus an seiner Vermehrung hindern, sie sind nicht in der Lage, die Erfahrung von Ausgrenzung und Isolation rückgängig zu machen. Dort, wo das Virus bereits soziale Bezüge zerstört hat, hilft kein Medikamentencocktail, diese wieder zu kitten. Eine Erkrankung, deren Verbreitung an Sexualität geknüpft ist, bietet auch weiterhin die Möglichkeit zur Skandalisierung und Stigmatisierung. Sich immer wieder erklären zu müssen, ist einer Kommunikation nur wenig förderlich, zumal derjenige, der über seine Erkrankung spricht, in der Regel mehr über sich preisgeben muss, als das Gegenüber bereit ist zu offenbaren. Eine ungleiche Ausgangssituation für einen neuen Dialog.

Ironischerweise war mit dem medizinischen Durchbruch, der gesellschaftliche Rückzug aus der öffentlichen Diskussion verbunden. Es ist zu befürchten, dass der Normalisierungs-prozess der 2000er-Jahre letztlich die Gesellschaft vor ungeliebten Themen bewahrt und eine Entsolidarisierung von den hiesigen HIV/Aids-Betroffenen mit sich gebracht hat. Das trifft diejenigen besonders hart, die im Rahmen der Infektion an mehrfachen schweren Behinderungen leiden. HIV/Aids existiert in der öffentlichen Wahrnehmung ausschließlich als medizinisches Phänomen und nicht mehr als soziale Realität. HIV/AIDS scheint umgezogen zu sein und findet jetzt als Desaster im weit entfernten Afrika statt.

Nach 25 Jahren HI-Virus ist auch die Primärprävention in der Krise. Die Kondomisierung der Gesellschaft ist an ihre Grenzen gestoßen. Die Neuinfektionen steigen wieder an. Die mediale Botschaft wurde verstanden, HIV/Aids ist beherrschbar: das bisschen Pillen einnehmen kann so schlimm nicht sein. Eine Lebensplanung mit HIV/Aids ist für jeden Infizierten möglich, sagt uns die Gesellschaft. Freuen wir uns mit den HIV-Infizierten, für die dies zutrifft. Hören wir aber auch denen zu, die etwas anderes zu sagen haben!